Wagener, Hans-Juergen by Die 101 wichtigsten Fragen

Wagener, Hans-Juergen by Die 101 wichtigsten Fragen

Author:Die 101 wichtigsten Fragen
Format: epub
Published: 2012-12-14T16:00:00+00:00


54. Lässt sich Unsicherheit nicht durch Planung vermeiden? Jede wirtschaftliche Entscheidung hat mit Unsicherheiten zu kämpfen. Soweit es sich um objektive Unsicherheiten handelt, z.B. das Wetter, Naturkatastrophen oder auch künftige Erfindungen, ist da wenig zu machen. Wo die Quelle der Unsicherheit aber im autonomen Verhalten der Anderen liegt, könnte man versuchen, sie durch bewusste Organisation und Koordinierung zu verringern oder zu vermeiden. Darin beruht, abgesehen von den technischen Vorzügen, die Rationalität der Unternehmung. Die wirtschaftlichen Tätigkeiten wurden seit der industriellen Revolution in immer größeren Einheiten, eben den Unternehmungen, zusammengefasst, weil das Kosten spart und ein zielgerichteteres Arbeiten ermöglicht als die Koordinierung von kleinen Selbständigen. Neben die horizontalen Tauschbeziehungen sind Arbeitsverträge und hierarchische Autoritätsstrukturen getreten. Der Produktivitätseffekt ist nicht zu übersehen: Das Wirtschaftswachstum der letzten 200 Jahre ist unter anderem Ergebnis dieser neuen Organisationsformen.

Muss nicht das, was im Kleinen so erfolgreich ist, auch im Großen funktionieren? Diese Vermutung wurde für Karl Marx zur Gewissheit. Er hielt es für eine ausgemachte Sache, dass der krisenanfällige Markt, der nur per Zufall und sozusagen hinter dem Rücken der Menschen ein Gleichgewicht zustande bringe, von bewusster, rationaler Planung übertroffen werde. Nicht nur die Sozialisten sind dem Rationalitätsoptimismus erlegen. Auch Joseph Schumpeter hielt am Ende des Zweiten Weltkriegs die kapitalistische Marktwirtschaft für überholt. Allerdings kehrt sich bei ihm die Kausalität um: Weil die moderne Wissenschaft die Unsicherheiten radikal reduziert habe, sei mehr und mehr rationale Planung möglich und werde sich am Ende durchsetzen.

Der Gedanke der Investitionslenkung und Planung des technischen Fortschritts tauchte in den 1970er Jahren noch einmal auf, und Jan Tinbergen (1903–1994), der erste Nobelpreisträger in der Ökonomie, formulierte seine Konvergenzhypothese: Das optimale Wirtschaftssystem bewege sich auf die Mitte zwischen Markt und Plan zu. Soweit der moderne Großkonzern an Bedeutung gewinnt, ist das auch der Fall. Doch durch die Erweiterung der Märkte im europäischen gemeinsamen Markt und der Globalisierung bleibt das Marktelement dominierend.

Die Versuche, die z.B. in Frankreich, England und den Niederlanden nach dem Zweiten Weltkrieg mit Wirtschaftsplanung gemacht wurden (in Deutschland widersetzten Ludwig Erhard und die Ordo-Liberalen sich dem kategorisch), sind gescheitert. Der sozialistische Großversuch in Osteuropa fand 1989–90 ein jähes Ende. Die kapitalistische Marktwirtschaft erwies sich zäher und erfolgreicher, als viele es vor 60 Jahren vermutet hatten. Einer der Gründe dafür ist in der Tatsache zu suchen, dass Innovation und Dynamik notwendigerweise mit Unsicherheiten, mit Wettbewerb und mit individueller Initiative verbunden sind. Planung kann die Unsicherheit reduzieren, schnürt damit aber gleichzeitig Innovation und Dynamik ein.



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